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Abstraktion, Natur und Stimmung auf der Suche nach dem Urgrund des Schöpferischen

Kristin T. Schnider im Oktober 2006

Die selbsterklärte Absicht, sich mit dem Abstrakten, dem
Nicht-Figürlichen auseinanderzusetzen und Farbe, wie auch andere Materialien – die Farbe als reines Pigment, Holzasche, in das Erschaffene eingefügte, gefundene Materialien, Blätter vom Baum wie beschriebene Blätter vom Block – als Vehikel zu benutzen für die Suche nach dem "Urgrund des Schöpferischen", wie Mary Anne Imhof es selbst formuliert, kann beim Anblicken der Bilder nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier noch immer Geschichten erzählt werden.

Der Wille zu abstrahieren, also zum wörtlich genommenen "Abziehen" des Offensichtlichen vom Gesehenen führt  zur direkten Auseinandersetzung mit dem "Zeigbaren", dem Mitteilbaren, dem Aufruf dazu, in Flächen, Linien, wiederkehrenden Formen selbst zu sehen und wieder zu entdecken, was nicht in den Worten, Schlagzeilen, Ikonen, dem vermeintlich "Konkreten" der alltäglichen Bildwelt manchmal so aufdringlich den BetrachterInnen entgegenkommt.

Die Geschichte des Wahrnehmens und Umsetzens der Erzählung von der Suche nach dem "Mehr-Sehen" und dem damit einhergehenden Verstehen und "Finden-Wollen" ist Mary Anne Imhofs Bildern eingeschrieben und wird sichtbar, je länger sie betrachtet werden.

Natur, sagt sie, die intensive Betrachtung ihrer unmittelbaren Umgebung bis hin zum Eintauchen in das Gesehene, ist ihr ein zentraler Ausgangspunkt. Von eigentlicher Naturmalerei kann selbstverständlich nicht die Rede sein, auch wenn auf einigen der "mobilen Bilder", unterwegs festgehalten, durchaus Steine, Wasserspiegelungen, Umrisse von Pflanzen, Andeutungen von Landschaft erkennbar sind.

Letztlich aber löst sich ihr Blick vom Panorama und konzentriert sich auf Strukturen, bis hin zu Nahaufnahmen, die uns zu den inneren Strukturen führen, in denen die Natur selbst uns als abstraktes, nicht sogleich erkennbares entgegentritt. Wüssten wir nicht um die Gitter der Eiskristalle, die Maserung von Birkenrinde, die Blasen im und Kratzer auf dem Eis, das einen See bedeckt, hätten wir keine Ahnung, was wir da sehen, kommt es als Fragment, als Muster daher.

Dieser Schritt weiter, den Mary Anne Imhof geht, ist der Kunst eigen, ist, was Kunst als Wille, ein "Mehr" zu erschaffen, auszeichnet. Denn es geht nicht um Abbildung, sondern Befragung und daraufhin um die Umsetzung des Wahrgenommenen in ein Neues, das bei den BetrachterInnen weiterführen soll, denn sie sind in diesen Bildern in die Suche nach dem, was uns alle antreibt, unsere Welt im Sehen stets wiederzuerschaffen, einbezogen.

Die Auseinandersetzung mit dem Material, der Farbe und der Fläche, auf die sie schliesslich aufgetragen wird, die klaren Fragen nach den Möglichkeiten in den Schwarz/Weiss-Serien Gegensätze – wie "Hell" und "Dunkel" – zu vereinbaren, Aussen- und Innenwelt in ein Verhältnis zu setzen und malend zu erforschen wie sie sich gegenseitig beeinflussen, findet in den "Stundenbildern" dann nicht eine Auflösung sondern treibt das Unternehmen "Suche nach dem Urgrund des Schöpferischen" in der Loslösung von der Methode voran.

Das Unterbewusste wird aufgerufen, aus dem die unformulierten Gedanken, die freischwebenden und noch unkategorisierten inneren Bilder – für eine oder zwei Stunden – auftauchen dürfen und in einem Vorgang der Écriture automatique festgehalten werden. Hier ist es die Stimmung, die das Gewicht zurückerhält, das ihr in der disziplinierten Betrachtung und der Auseinandersetzung mit dem Abstrakten versagt bleibt, denn der Wille, selbst zu formen, aus der Betrachtung der "Schöpfung" mit Überlegung, Vorwissen und angeeigneter Mal-Technik zu einem eigenen "Schöpferischen" zu gelangen, tritt in den Hintergrund.

Betrachtet man die neusten Arbeiten Mary Anne Imhofs als Ganzes, wird deutlich, dass, was dem Abstrakten innewohnt, unweigerlich immer wieder Gestalt annehmen und erzählen wird. In den Bildern ist Bewegung, die  auf ein Wachsen, ein Werdenwollen hinweist. Ein Ringen der Formen - und auch der Farben: so wiederholen sich etwa kräftige Verschlingungen von Strichen in Variationen, nähern sich im Grunde einander abstossende Farben in der Komposition einander immer wieder herausfordernd an,  sodass der Eindruck bleibt: da will etwas werden, da strebt etwas auf eine Gestalt – nicht auf eine Figur, das Figurative! - zu, die vielleicht eine der vielen möglichen Antworten in sich trägt, die uns dem Urgrund des Schöpferischen näher bringen.

Artikel publiziert in der Kunstzeitschrift Futuro - artgate international (Ausgabe 11-12/2006)